Wundarzt, Händler, Bordellaufseher
Die überraschenden Nebentätigkeiten des Scharfrichters
Wer an einen Scharfrichter denkt, verbindet damit meist Hinrichtungen, Richtstätten und Folter. Doch der Berufsalltag eines Scharfrichters bestand in der frühen Neuzeit aus weit mehr als der Vollstreckung von Urteilen. Viele seiner Nebentätigkeiten wirken aus heutiger Sicht überraschend – manche beinahe widersprüchlich.
Der gleiche Mann, der im Auftrag des Gerichts Knochen brach oder Todesurteile vollstreckte, behandelte Verletzungen, richtete ausgerenkte Gelenke ein oder stellte Salben her. In manchen Städten beaufsichtigte er sogar das städtische Bordellwesen. Dieser Artikel zeigt, welche zusätzlichen Aufgaben der Scharfrichter übernahm und weshalb gerade diese Tätigkeiten oft einen wichtigen Teil seiner Einkünfte ausmachten.
Der Scharfrichter als Wundarzt
Die Tätigkeit als Wundarzt gehörte zu den ungewöhnlichsten Nebentätigkeiten des Scharfrichters. Seine praktischen Erfahrungen mit dem menschlichen Körper verschafften ihm anatomische Kenntnisse, die viele akademisch ausgebildete Ärzte der damaligen Zeit nicht besaßen.
Besonders bei ausgerenkten Gelenken, Brüchen oder Verletzungen galt der Scharfrichter häufig als erfahren. Während viele Ärzte der frühen Neuzeit eher theoretisch arbeiteten, verfügte der Scharfrichter über praktische Kenntnisse aus seiner täglichen Arbeit.
Zwischen Gewalt und Heilung
Dieser Widerspruch gehörte zum Berufsbild des Scharfrichters. Nach der peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. war er verpflichtet, die Schäden, die während der Folter entstanden waren, zumindest zu lindern oder zu behandeln.
Der gleiche Mann, der unter gerichtlicher Anweisung Schmerzen zufügte, musste sich also anschließend um die körperlichen Folgen kümmern. Diese Verbindung von Gewalt und Heilung erscheint heute widersprüchlich, war in der frühen Neuzeit jedoch Teil der gerichtlichen Praxis.
Vom Scharfrichter zum Heiler
Einige Scharfrichter verdienten mit medizinischen Tätigkeiten erhebliche Summen. Manche verließen ihr Amt später sogar vollständig, um sich anderswo als Wundarzt niederzulassen. Die praktische Erfahrung war in einer Zeit begrenzter medizinischer Möglichkeiten oft gefragt.
Salben, Amulette und das sogenannte Armensünderfett
Zu den ungewöhnlichsten Aufgaben des Scharfrichters gehörte der Umgang mit Leichenteilen und Menschenfett, dem sogenannten „Armensünderfett“. Dieses wurde in der frühen Neuzeit für Salben, Heilmittel oder Amulette verwendet.
Da der Scharfrichter Zugang zu Leichen und hingerichteten Personen hatte, konnte er solche Stoffe beschaffen. Andere Berufsgruppen durften dies meist nicht. Dadurch entstand ein eigener Bereich medizinischer und volkstümlicher Praktiken rund um das Scharfrichteramt.
Familienarbeit im Scharfrichterhaus
Die Herstellung entsprechender Salben oder Präparate oblag häufig der Familie des Scharfrichters. Besonders seine Frau und ältere Kinder waren daran beteiligt.
Damit wurde das Scharfrichterhaus in gewisser Weise zu einem Familienbetrieb, in dem mehrere Tätigkeiten miteinander verbunden waren: Strafvollzug, medizinische Arbeit und die Herstellung historischer Heilmittel.
Die heutige Bewertung solcher Praktiken spielt für die historische Betrachtung keine Rolle. Entscheidend ist, dass diese Tätigkeiten in der damaligen Gesellschaft bekannt und teilweise akzeptiert waren.
Aufsicht über das Hübschlerinnenhaus
In größeren Städten übernahmen Scharfrichter und ihre Frauen teilweise auch die Aufsicht über sogenannte Hübschlerinnenhäuser. Dabei handelte es sich um städtisch kontrollierte Bordelle, die insbesondere von unverheirateten Männern, Witwern oder Handwerksburschen besucht wurden.
Die Verbindung zwischen Scharfrichteramt und Bordellaufsicht erscheint zunächst ungewöhnlich. Tatsächlich lagen beide Bereiche jedoch außerhalb der normalen bürgerlichen Ordnung. Viele Tätigkeiten, die gesellschaftlich als moralisch problematisch galten, wurden Menschen übertragen, die ohnehin bereits als „unehrlich“ galten.
Eine zusätzliche Einnahmequelle
Die Aufsicht über das Hübschlerinnenhaus war für manche Scharfrichter eine wichtige Einnahmequelle. Neben Wartgeld, Gebühren und medizinischen Tätigkeiten konnten solche Nebeneinkünfte erheblich zum Lebensunterhalt beitragen.
Dies erklärt auch, weshalb manche Scharfrichter wirtschaftlich durchaus wohlhabend waren, obwohl ihre gesellschaftliche Stellung niedrig blieb.
Fazit
Der Scharfrichter war weit mehr als ein Vollstrecker von Urteilen. Er arbeitete als Wundarzt, stellte Salben her und übernahm in manchen Städten Aufgaben, die sonst niemand übernehmen wollte. Gerade diese Nebentätigkeiten zeigen, wie eng Gewalt, Medizin und soziale Ausgrenzung in der frühen Neuzeit miteinander verbunden waren.
Sein Beruf führte ihn in gesellschaftliche Bereiche, die außerhalb der normalen bürgerlichen Ordnung lagen – und genau dort entstand seine besondere Stellung zwischen notwendiger Funktion und sozialer Ächtung.
Im nächsten Teil der Serie geht es um den eigentlichen Berufsalltag an der Richtstätte: Folter, Hinrichtungen und die psychische Belastung des Scharfrichteramtes.
Weiter zu Artikel 5:
Der Berufsalltag an der Richtstätte – Folter, Hinrichtung und psychische Belastung